Schulautonomie Initiative für Schulautonomie Dreigliederung

 

DeutschEnglishFrançaisskandinaviskItalianoEspañolPortuguês (Brasileiro)
 
 impressum 

Lernen in Freiheit
Ideen für ein freiheitlich-demokratisches Bildungssystem

Martin Wilke

Ultrakurz-Version

Zu einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft gehört auch eine von Grund auf demokratische Schule, in der die Prinzipien von Selbstbestimmung und Mitbestimmung gelten. Kinder und Jugendliche müssen selbstbestimmt entscheiden dürfen, was sie lernen und wo, wann, wie und von wem sie es lernen.

Schule muß zu einer Umgebung werden, die frei von Druck und Zwang ist, da Lernen so am besten funktioniert.

Kinder sind von Natur aus neugierig und wollen lernen, aber die jetzige Schule schafft es, ihnen die Freude am Lernen auszutreiben.

Schule kann ein Ort sein, an dem Kinder und Jugendliche ihren Tagesablauf selbstbestimmt gestalten und ihren Interessen folgen können. Schule wäre dann ein Ort, an dem Schüler und Lehrer völlig gleichberechtigt sind und keiner Macht über den anderen hat, ein Ort, an dem man nicht die Zeit totschlägt oder absitzt, sondern wo aktives Leben stattfindet. Eine derartige Schule, an der es nicht einmal Anwesenheitspflicht gibt, ist nicht utopisch, sondern für zahlreiche Schüler auf vier Kontinenten, bereits seit Jahren Realität - die älteste dieser Schulen gibt es schon seit über 30 Jahren. Und immer wieder aufs Neue zeigt sich, daß Lernen so tatsächlich funktioniert und effektiv ist.

Damit es derartige Schulen auch hier geben kann und jeder junge Mensch nach seinen eigenen Interessen und Bedürfnissen lernen kann, muß die Schulpflicht überwunden und durch ein Recht auf Bildung ersetzt werden.

 

Auch auf zahlreiche weitere Aspekte wird in diesem Heft eingegangen: Was genau ist an den jetzigen Zuständen so kritikwürdig? Lernen Kinder ohne Zwang wirklich? Wie soll so eine Schule konkret aussehen? Was ist mit Schulabschlüssen? Wie soll das alles finanziert werden? Ist das juristisch überhaupt möglich? Wie kann das Recht auf Bildung ohne Schulpflicht gewährleistet werden?

- Ende der Ultrakurz-Version -

Inhalt

  • Konkrete Bildungsmöglichkeiten
  • Organisatorische Fragen

Grundüberlegung

Eine freiheitlich-demokratische, also eine auf den Prinzipien von Selbstbestimmung und Mitbestimmung aufbauende Gesellschaft muß logischerweise auch ihr Bildungssystem auf diese Grundlage stellen. Kinder und Jugendliche müssen folglich im Rahmen des organisatorisch Möglichen selbstbestimmt entscheiden dürfen, was sie lernen und wo, wann, wie und von wem sie es lernen.

Das derzeitige Schulsystem wird diesem freiheitlich-demokratischen Anspruch nicht gerecht.

Bestandsaufnahme

Dem jetzigen Schulsystem liegt ein Menschenbild zugrunde, das davon ausgeht, daß Kinder und Jugendliche noch keine vollwertigen Menschen sind, daß sie unfähig seien, über ihr Leben selbst zu bestimmen und deshalb durch Zwang zu ihrem (angeblichen) Glück gebracht werden müßten. Es wird davon ausgegangen, daß junge Menschen ohne Zwang nicht - oder nur Unnützes - lernen würden und sich somit für immer ihre Zukunft verbauen oder gar zu asozialen oder kriminellen Wesen verkommen würden.

Entsprechend ist das jetzige Schulsystem von Fremdbestimmung und Bevormundung geprägt. Kinder und Jugendliche müssen zur Schule gehen, egal ob sie wollen oder nicht - es besteht Schulpflicht. Sie müssen das lernen, was andere für wichtig und richtig halten, unabhängig davon, ob sie sich dafür interessieren. Langweiliger Unterricht ist das übliche, spannender Unterricht eher die Ausnahme. In der jetzigen Schule müssen junge Menschen stillsitzen und den Mund halten, es sei denn, sie werden zum Reden aufgefordert. Sie müssen von Menschen lernen, die sie vielleicht nicht mögen und die oftmals ihre Großeltern sein könnten. Lernen heißt in deutschen Schulen meist nicht Begreifen und Erfahren, sondern überwiegend stur Auswendiglernen.

Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ist von einem großen Machtgefälle geprägt. Lehrer dürfen Befehle erteilen und die Schüler müssen gehorchen. Möglichkeiten, sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren, gibt es kaum. Mangels schulinterner Gewaltenteilung - Beschluß, Durchführung und Kontrolle liegen in einer Hand -, bekommt der Lehrer (fast) immer recht.

Die Bewertung durch Zensuren ist nur scheinbar objektiv. Schüler werden in "gut" und "schlecht" eingeteilt, in "klug" und "dumm". Zensuren erzeugen Druck und machen vielen Schülern Angst. "Schlechte" Schüler fühlen sich oft minderwertig. Außerdem dienen Zensuren der Machterhaltung des Lehrers, immerhin hat er damit ein nicht zu unterschätzendes Instrumentarium, um Schüler zur Unterordnung zu bewegen. Weiterhin dienen Zensuren der Auslese. "Gute Schüler" gibt es im Zensurensystem nur, wenn es auch "schlechte" gibt. Wenn alle eine "1" haben, ist sie nichts wert. Daher ist es kein Zufall, daß sich bei mündlichen und schriftlichen Leistungskontrollen, Klassenarbeiten und Klausuren fast immer eine "Normalverteilung" der Zensuren einstellt, bei der immer ein gewisser Anteil der Schüler durchfällt. Es gibt keinen zweiten Bereich in der Gesellschaft, in der schlechte Qualität, Versagen oder Ausschuß von vornherein eingeplant sind. Ist der Durchschnitt deutlich besser als 3, war die Arbeit "zu leicht", d.h. eine vernünftige Selektion war nicht möglich.

Daß Schüler dem Lehrer ständig Sachen erzählen sollen, die dieser längst weiß, gehört auch zur absurden Schulrealität. Unterricht wird meist zu einer Art Profilierungsshow, bei der jeder Schüler zeigen soll, was er kann und daß er besser ist als alle anderen. Gegenseitige Hilfe unter Schülern ist im Unterricht daher vielfach unerwünscht, wenn nicht sogar verboten.

Wer nicht bereit ist, sich den undemokratischen Regeln der Schule zu unterwerfen, muß mit teilweise drastischen Konsequenzen rechnen. Tendentiell führen diese Maßnahmen nicht dazu, das Ziel der Schule zu erfüllen, nämlich selbstbestimmte, kreative, weltoffene, tolerante, friedliche und soziale Mitmenschen "heranzubilden", sondern faktisches Ergebnis der heutigen Schulen ist überwiegend entweder der sich fügende, im schlechten Sinn angepaßte, unkreative Kleinbürger oder der egoistische, rüchsichtslose intolerante Macht- und Ellenbogenmensch.

Im jetzigen Schulsystem kommen junge Menschen praktisch nicht als Subjekte vor, sondern nur als Objekte staatlichen Handelns. Menschenrechte wie physische Freiheit, Versammlungsfreiheit, Freizügigkeit, Recht auf freie Berufswahl, freie Teilnahme am kulturellen Leben, Religionsfreiheit, Schutz vor Eingriffen ins Privatleben und sogar Gedankenfreiheit werden nicht geachtet und für verzichtbar erklärt; sie passen nicht in das übliche Menschenbild, das Schule von jungen Menschen hat.

Schule ist derzeit ein Ort, an dem sich die meisten Kinder und Jugendlichen nicht wohlfühlen.

Viele Menschen glauben, daß das "leider" so sein muß. Diese Menschen sind größtenteils nicht böswillig, sondern einfach uninformiert. Es geht nämlich grundlegend anders.

Über das Lernen

Druck und Zwang beim Lernen bewirken insgesamt weitaus mehr Nachteile als Vorteile.

Alle Menschen haben ein angeborenes Lernbedürfnis. Dieses Bedürfnis zu lernen ist genauso fundamental wie z.B. das Bedürfnis eines jedes Menschen zu essen und zu trinken. Solange genug Essen vorrätig ist, wird kein Mensch verhungern, auch wenn man ihn nicht zum Essen zwingt. Auch kann die Nahrungsaufnahme etwas sehr Angenehmes sein - unter Zwang und bei Androhung harter Strafen schmeckt jedoch selbst das leckerste Essen nicht. Ähnlich ist es mit dem Lernen. Kinder sind neugierig und zunächst aufgeschlossen für alles Neue - man könnte auch sagen, sie sind lernhungrig und wissensdurstig. Gerade kleine Kinder lernen unheimlich viel und zwar ohne Zwang. Schon Säuglinge erkunden aktiv ihre Umwelt. Innerhalb relativ kurzer Zeit lernen sie laufen und ihre Muttersprache sprechen. Sie lernen Spiele, technische Geräte bedienen, Fahrrad fahren oder auch ein Musikinstrument zu spielen. Kinder lernen ständig - ob es ihnen bewußt ist oder nicht. Bei ihnen findet Lernen mitten im Leben statt.

Im Alter von sechs Jahren kommen sie dann in die Schule. Bis dahin haben sie so viele Sachen gelernt - ohne staatlichen Schulzwang. Und je weniger sie von ihren Eltern unter Druck gesetzt wurden, desto mehr haben sie freiwillig und aus eigenem Antrieb gelernt. Fast alle Kinder freuen sich darauf, in die Schule zu kommen, weil sie wissen, daß sie dort neue Sachen lernen können, die sie bisher nicht kannten. Doch spätestens jetzt wird Lernen mit meist subtilem Zwang verbunden. Auch vielen Erwachsenen ist dieser Zwang gar nicht bewußt, da er so alltäglich ist und als so selbstverständlich gilt, daß man nicht darüber nachdenkt.

Vor allem, wenn sich die Kinder für bestimmte Sachen nicht interessieren oder zeitweilig oder vorläufig nicht dafür interessieren, kommen sie immer wieder mit diesem Zwang in Berührung. Dieser führt nicht nur unmittelbar zu Denkblockaden, sondern auch zur langanhaltenden Schäden. Der Zwang stellt für den Schüler eine Bedrohung oder Gefahr dar, die Angst auslöst und seinem Organismus Aufmerksamkeit abverlangt. Die für Lernerfolg so wichtige Konzentration auf das zu Lernende wird also zerstört. Außerdem wird beim Lernen nicht nur das eigentliche Wissen abgespeichert, sondern auch die Umstände, unter denen man lernt, die Gefühle, die man dabei hat. Wenn man zu einem späteren Zeitpunkt dieses unter Angst verursachendem Zwang mühsam gelernte Wissen wieder hervorholt, kommt das negative Gefühl von Angst auch wieder hervor. Je stärker und langanhaltender dieser Zwang ist, desto mehr wendet man sich ab, um nicht an die erlebte Angst und den Zwang denken zu müssen. Meist ist diese Abwendung auf bestimmte Themengebiete oder Personen begrenzt, manchmal betrifft es auch das Lernen allgemein, so daß man geistig "zu" macht, sofern man das Stichwort Lernen hört, auch wenn Lernen noch ganz anders geht als heute in der Schule üblich. Es ist der Zwang, der Kindern (und auch Erwachsenen) die Freude am Lernen austreibt. Durch Aufklärung über diese Auswirkungen des Lernzwangs und durch ausreichend gute Erfahrungen bei selbstbestimmtem Lernen können diese Schäden und erworbenen Vorurteile jedoch wieder ausgeglichen werden.

Lernzwang kann auch nicht damit verteidigt werden, daß Kinder noch nicht wissen würden, welches Wissen sie einmal brauchen werden. Auch Erwachsene wissen vorher nicht, was sie selbst mal brauchen. Bei der Fülle an Wissen, die es gibt - und die Menge des Wissens verdoppelt (!) sich ca. alle sechs Jahre - ist es gar nicht möglich, alles auf Vorrat zu lernen. Viele Informationen sind ohnehin schon nach kurzer Zeit völlig veraltet. Es ist viel sinnvoller, wenn Menschen das lernen, was sie wichtig finden bzw. wovon sie denken, daß sie persönlich es brauchen werden. Und wenn absehbar wird, daß dieses oder jenes Wissen (zum Beispiel Umgang mit neuer Technik) in Zukunft eine Rolle spielen wird, so kann man dies dann immer noch lernen, wenn man will. Und so wie Menschen z.B. über gesunde Ernährung informiert werden, kann man ihnen auch Hinweise auf allgemein wichtiges Wissen geben, ohne daß dabei irgendein Zwang ausgeübt würde.

Lernen geschieht sehr erfolgreich und schnell, wenn man aus eigenem Antrieb lernt. Selbst sehr schwierige und aufwendige Angelegenheiten bewältigt man dann mit relativer Leichtigkeit und meist mit großer Effizienz. In heutigen Staatsschulen läßt sich beobachten, wie langsam und mühselig Schüler Sachen lernen, die sie nicht aus Interesse, sondern aus Angst vor schlechten Zensuren und Strafandrohungen lernen. Und nach der Klassenarbeit oder Klausur vergessen sie den allergrößten Teil wieder.

Die negativen Folgen des Zwangslernens können nicht mit dem Hinweis auf den Teil des Wissens, der dabei am Ende - trotzdem - hängengeblieben ist, geleugnet werden. Auch wenn jemand sich selbst strenge Regeln setzt (z.B. beim zeitaufwendigen Fremdsprachen-Lernen) sind diese nicht mit dem hier kritisierten Zwang in der Schule vergleichbar.

Menschen, die nicht zum Lernen gezwungen werden, lernen nicht wegen künstlicher Motivation, sondern aufgrund ihrer natürlichen Neugier (die noch gut erhalten oder wieder hergestellt ist) oder weil sie es als Grundlage für eine andere Sache brauchen.

Die Behauptung, daß Menschen, die nicht zum Lernen gezwungen werden, "nur faul rumhängen" und weitgehend dumm bleiben, ist in der Praxis längst widerlegt. In Freiheit lernende Menschen sind sogar aktiver und engagierter als der Durchschnitt. Sie haben nicht alle das selbe gelernt, und ein Teil weiß sicher genauso wenig über Atommodelle, den 30jährigen Krieg, die lateinische Grammatik, Kurvendiskussionen und über Zellteilung wie der heutige Durchschnittsschüler, aber von den wichtigen Sachen, die in ihrem Leben eine Rolle spielen, haben sie Ahnung. (Offenbar findet jeder einzelne, der vor die freie Entscheidung gestellt wird, diese Sachen so einleuchtend wichtig, daß er sich damit beschäftigt.) Bisher ist z.B. kein einziger Fall bekannt, in dem ein Kind, das nicht gezwungen wurde, nicht früher oder später Lesen und Schreiben gelernt hätte. Demgegenüber gibt es in Deutschland mit Schulpflicht vier Millionen Menschen über 14 Jahren, die nicht Lesen und Schreiben können.

Ein Argument gegen selbstbestimmtes Lernen besagt, daß ohne Lernzwang qualifiziertes Personal für die verschiedenen technischen, wissenschaftlichen und sozialen Aufgaben fehlen würde. Es ist gar nicht notwendig - und auch heutzutage nicht der Fall -, daß jeder Mensch von allen Themengebieten Ahnung hat. Es reicht immer, wenn sich ein gewisser Anteil damit auskennt. Dieser Anteil wird unter den Bedingungen von Lernfreiheit immer ausreichend groß sein. (Es sei nur einmal auf das Computerwissen hingewiesen, zu dem ja niemand in der Schule gezwungen wurde.) Das heißt natürlich nicht, daß jeweils nur so viele das entsprechende Wissen lernen sollen, wie Wissenschaft, Technik und Wirtschaft brauchen; sondern es soll nur gezeigt werden, daß es auch gesellschaftlich nichts schadet, wenn sich nicht alle mit allem auskennen, was so unter "Allgemeinwissen" geführt wird.

Schlußfolgerung: Es ist wenig aussichtsreich, jemandem etwas beibringen zu wollen, für das er sich nicht interessiert. Da es nicht möglich ist, das Interesse durch Ausüben von Druck nachhaltig zu steigern, und Druck im Normalfall sogar das Gegenteil des Gewünschten bewirkt, sollte auf Druck von vornherein verzichtet werden.

Grundlagen eines freiheitlich-demokratischen Bildungssystems

Ein freiheitlich-demokratisches Bildungswesen muß auf diesen Erkenntnissen über das Lernen aufbauen, und es darf die freie Entfaltung der Persönlichkeit der jungen Menschen nicht behindern. Außerdem muß selbstverständlich sein, daß niemand benachteiligt wird, sei es wegen einer Behinderung, seiner wirtschaftlich schlechten Lage oder anderen Gründen, für die er nichts kann.

Innerhalb der Strukturen des jetzigen Schulsystems lassen sich diese Ansprüche nicht verwirklichen. Vor allem das Ziel, daß jeder Schüler auf die Weise lernen kann, die ihm am besten gefällt, kann in einem zentralistischen Bildungswesen kaum erreicht werden. Schließlich gibt es ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, wie eine perfekte Bildungseinrichtung/Schule aussieht. Um allen gerecht werden zu können, muß es deshalb ein vielfältiges Bildungssystem geben.

Ein Bildungswesen, das die Interessen der Hauptbeteiligten - also der Kinder und Jugendlichen - in den Mittelpunkt stellt, muß nachfrageorientiert arbeiten. Nur so kann erreicht werden, daß Kinder und Jugendliche selbst bestimmen, was sie lernen, wie, wo, wann und von wem sie es lernen. Das staatliche Schulmonopol muß deshalb abgeschafft werden.

In einem pluralistischen Bildungssystem kann es die verschiedensten Einrichtungen und Veranstaltungen geben - auch Schulen, die nach dem jetzigen Prinzip funktionieren. Es muß nur der Grundsatz gelten, daß niemand gezwungen werden darf, eine bestimmte Einrichtung oder Veranstaltung zu besuchen, mit anderen Worten: Die Schulpflicht muß wieder aufgehoben werden. Stattdessen muß jeder junge Mensch ein einklagbares Recht auf Bildung haben. Der Wegfall der Schulpflicht ist nicht als gesellschaftlicher Rückschritt zu deuten, sondern als Korrektur einer Entscheidungen, die erstens auf falschen Annahmen über das Lernen beruht und zweitens aus einer Zeit stammt, in der Persönlichkeitesentfaltung und Freiheitsrechte ein Fremdwort waren.

Auch die zur Zeit sehr weitreichenden Kompetenzen des Staates einfach auf die Eltern zu übertragen - wie es in einigen europäischen Staaten der Fall ist -, kommt für eine wirklich freiheitliche Gesellschaft nicht in Frage. Denn Fremdbestimmung bleibt Fremdbestimmung, egal von wem sie ausgeübt wird. Wenn die Eltern entscheiden würden, käme es in einigen Fällen dazu, daß die Kinder gegen ihren Willen in Schulen landen, die die jetzigen Staatsschulen an Leistungsdruck und Unterdrückung noch um einiges übertreffen. Verhindert werden kann dies in einer vielfältigen Bildungslandschaft nur, wenn die tatsächlich Betroffenen - die Schüler - sich ihre Schule/Bildungsstätte selbst aussuchen dürfen. Wenn es Schulen gibt, die intern undemokratisch organisiert sind, so müssen die Schüler doch wenigstens frei entscheiden dürfen, ob sie sich dem aussetzen. Es kann schließlich nicht sein, daß die jungen Menschen von der Willkür bzw. Gnade ihrer Eltern abhängig sind.

Aufgabe der Eltern wäre es, ihre Kinder bei der Wahl der Bildungsangebote zu beraten, ihnen mögliche Folgen zu erklären. Wenn Eltern die Entscheidung ihres Kindes für falsch halten, können sie versuchen, es zu überzeugen. Zwang ausüben dürften sie nicht mehr.

Die Aufgabe aller Bildungseinrichtungen wäre es vor allem, die natürliche Lernfreude nicht zu zerstören, sondern zu erhalten. Entsprechend den obigen lerntheroretischen Erkenntnissen muß die grundsätzliche Abwesenheit von Zwang für Kinder jeden Alters gleichermaßen gelten. Ein wichtiges Merkmal eines solchen Bildungssystems ist die Aufhebung der Alterstrennung. Kinder ganz verschiedenen Alters sollen die Möglichkeit haben, mit- und voneinander zu lernen, wenn sie dies wollen.

Aufgaben des Staates

Die Aufhebung des staatlichen Schulmonopols entläßt den Staat übrigens nicht aus der Verantwortung. Das Recht auf Bildung zu garantieren und also auch finanziell abzusichern, bleibt Aufgabe des Staates. Träger von Bildungseinrichtungen können aber neben dem Staat verstärkt auch Initiativen und Vereine sein. Diese arbeiten dann als non-profit-organisations, dürfen also durch den Betrieb einer Bildungseinrichtung keinen Gewinn machen.

Zur Dezentralisierung des Bildungswesens gehört natürlich auch, daß die Bildungseinrichtungen ihre eigenen Angelegenheiten selbst regeln. Dazu zählen unter anderem die Einstellung von Lehrern und sonstigem Personal sowie die Anschaffung neuer Ausstattung und die sonstige Verwendung der Gelder.

Eine weitere Aufgabe des Staates odes eines gewählten "Bildungskontrollrates" wäre es, den Überblick über die aktuell bestehenden Bildungsangebote zu haben. Eine Liste dieser Bildungsangebote kann so auch Schülern helfen, sich für eine Einrichtung zu entscheiden. Zudem können Schulen/Bildungseinrichtungen sich dadurch untereinander einfacher vernetzen.

Auf der Grundlage dieser Listen kann die Kontrollinstitution feststellen, ob die Angebote der Nachfrage entsprechen. Sollten einzelne Gegenden oder Themengebiete unterversorgt sein, wird der Staat verpflichtet, solche Angebote in hinreichender Anzahl einzurichten bzw. entsprechende Förderungen vorzunehmen.

Existenzberechtigung staatlicher Schulen

Die Aufhebung des staatlichen Schulmonopols muß nicht bedeuten, daß es keine staatlichen Schulen mehr gibt, sondern nur, daß nicht-staatliche Schulen keine Besonderheit mehr sind. Wenn die staatlichen Schulen daran nicht zugrunde gehen wollen, müssen sie sich grundlegend ändern. Und es spricht wenig dafür, auf Änderungen an Staatsschulen zu verzichten und zu warten, bis sich jeder Schüler Alternativen gesucht hat.

Für die Beibehaltung von (reformierten) Staatsschulen spricht auch, daß die neugebildeten Bildungseinrichtungen zunächst von ihrer Anzahl her nicht in der Lage sein werden, sämtliche staatlichen Schulen zu ersetzen. Und auch wenn es insgesamt genug nicht-staatliche Schulen geben sollte, ist fraglich, wieviele davon tatsächlich selbstbestimmtes Lernen ermöglichen. Es wäre z.B. vorstellbar, daß zwar zahlreiche Eltern und bisherige Lehrer aus allgemeinem Engagement Schulen gründen, dort aber nur ihre eigenen pädagogischen Vorstellungen durchsetzen wollen, statt die Interessen der Kinder und Jugendlichen zu achten, so daß das Interesse der Schüler an freiheitlich-demokratischen Bildungseinrichtungen insgesamt nicht abgedeckt wäre.

Im Laufe der Zeit wird sich ein sinnvolles Verhältnis von staatlichen und nicht-staatlichen Schulen einstellen. Wie groß der Anteil staatlicher Einrichtungen am Ende sein wird, wird man ja sehen.

Darüber, wie reformierte Staatsschulen aussehen können, gibt es verschiedene Ansichten. Die beiden nachfolgend beschriebenen Schultypen zumindest, die sich gegenseitig ergänzen und zeitgleich in Anspruch genommen werden können, scheinen die Anforderungen von Demokratie und selbstbestimmtem Lernen besonders gut zu erfüllen.

Im ersten Typ Schule findet Lernen in einer sehr lebensnahen Umgebung und ohne Lehrplan statt. Der zweite Typ wird von einem umfassenden Angebot von Kursen, Vorlesungen und Veranstaltungen geprägt.

Wenn sich diese Schultypen in einer Versuchsphase als sinnvoll erweisen, wird der Staat eine der Nachfrage entsprechende Anzahl einrichten.

Konkrete Bildungsmöglichkeiten

Schultyp 1: Sudbury Schools

Vor allem der erste Schultyp, der hier im folgenden beschrieben werden soll, klingt utopisch, aber er ist es nicht. Weltweit, auf vier Kontinenten, gibt es bereits Schulen, die so funktionieren. Die älteste dieser Schulen, die Sudbury Valley School in Framingham (Massachusetts, USA), existiert schon seit über 30 Jahren. Und immer wieder aufs Neue zeigt sich, daß Lernen so tatsächlich funktioniert und effektiv ist. Die Sudbury Valley School ist ein wahres "Erfolgsmodell", das nun hier als staatliches Bildungsangebot in Serie gehen könnte.

ALLGEMEINES

Diese Schule umfaßt etwa 40 bis 80 Schüler und drei bis sechs Lehrer. Die jüngsten Schüler sind etwa vier Jahre alt, die ältesten ungefähr 20. Das "Eintrittsalter" variiert von Person zu Person, aber grundsätzlich ist es nie zu spät, Schüler dieser Schule zu werden, und aufhören kann man natürlich auch zu jeder Zeit.

Die Schüler können den ganzen Tag über tun und lassen, was sie wollen, sofern sie dabei niemand anderes stören. Sie können die Schule und das Schulgelände jederzeit verlassen, da es keine Anwesenheitspflicht gibt. Es gibt keine Pflichtveranstaltungen, höchstens gegenseitige freiwillige Vereinbarungen zwischen Lehrern und Schülern, auch untereinander.

Schüler und Lehrer sind völlig gleichberechtigt. Die Schüler duzen die Lehrer und reden sie mit dem Vornamen an, und umgekehrt ist es natürlich genauso. Die Beziehungen zwischen den Schülern und den Lehrern unterscheiden sich kaum von den Beziehungen der Schüler untereinander. Die Atmosphäre in der Schule ist locker und familiär.

Die Schüler werden nicht nach dem Alter getrennt. Klassen gibt es nicht. Freundschaften und Interessengemeinschaften wie Lerngruppen entstehen über Altersunterschiede hinweg.

LERNFORMEN

Unterricht im herkömmlichen Sinne ist die Ausnahme und kommt nur zustande, wenn Schüler dies ausdrücklich wünschen. Lernen ist voll im Leben integriert. Daß die Schule ein Lebensort ist, zeigt sich auch daran, daß sie ähnlich wie eine große Wohnung eingerichtet ist. Klassenräume gibt es nicht.

Einige sitzen still irgendwo in der Gegend und lesen ein Buch, andere unterhalten sich oder diskutieren über irgend etwas und noch andere spielen, machen Sport, surfen im Internet, lesen Zeitung, zeichnen, machen Musik, träumen, usw. Lernen ist einfach nicht vom sonstigen Leben getrennt. Irgendeine Sache klappt nicht so, wie man es sich gedacht hatte, also überlegt man, wie man das Problem lösen kann. Man will irgendwas wissen, also versucht man, es herauszufinden. Manche Sachen probiert man einfach aus, andere läßt man sich von jemandem erklären. Einen Teil lernt man dadurch, daß man Erwachsenen zusieht, wie sie eine Sache tun, oder dadurch, daß man es mit ihnen zusammen tut. Aber das meiste, was man lernt, lernt man von anderen Kindern; und es hat mit dem Leben zu tun - wie man lebt und wie Sachen passieren. Das meiste kommt vom Herumsitzen und Reden: ein Gedanke kommt auf und entwickelt sich von sich aus weiter. Oft ist einem gar nicht bewußt, daß man lernt. Lernen passiert ganz natürlich, wie atmen auch. Hier wird nicht Zeit abgesessen, sondern hier findet aktives Leben statt.

Daß es in so einer Schule keinen Lehrplan gibt, ist klar. Jeder beschäftigt sich damit, wofür er sich interessiert. Niemand kann einen anderen zum Lernen zwingen.

Die Lehrer drängen sich nicht auf, sondern stehen zur Verfügung. Falls gerade kein Schüler ihre Mitarbeit benötigt, kümmern sie sich z.B. um Verwaltungsarbeit oder gehen ihren eigenen Interessen nach.

Zensuren oder andere vergleichbare Bewertungen gibt es natürlich nicht. Wer eine Rückmeldung über seine Fähigkeiten haben will, kann einen Lehrer oder andere Schüler um eine Einschätzung bitten. Wer will, kann sich auch freiwilligen Tests unterziehen, die dann nur dem Schüler zur Information dienen, zu mehr nicht.

Im Laufe der Zeit entwickeln die Schüler spezielle Interessen, denen sie sehr ausgiebig nachgehen, zum Beispiel Musikinstrumente spielen, Computer programmieren, Latein lernen, Philosophie, höhere Mathematik, Quantenphysik, Chemie, Genetik, usw. Meistens beschäftigen sie sich mit diesen Sachen nicht deshalb, weil sie in ihrem Leben eine Rolle spielen würden, sondern weil sie sich selbst herausfordern wollen. Die Schüler tun überwiegend nicht die Sachen, die ihnen leicht fallen, sondern gerade die, die ihnen schwer fallen. Sie sind sich ihrer Stärken und Schwächen sehr bewußt und arbeiten hart an Letzteren. Und wenn sie etwas nicht auf Anhieb schaffen, versuchen sie es eben nochmal und nochmal, bis sie ihr Ziel erreicht haben. Sie erreichen Höchstleistungen, die nicht durch Drill und Zwang, sondern nur durch Freiwilligkeit erreicht werden können.

ORGANISATION

Auch an einer mit 40 bis 80 Schülern eher kleinen Schule gibt es Entscheidungen zu fällen. Und in einer demokratischen Schule werden Entscheidungen nicht von "von oben" gefällt, sondern auf demokratische Weise getroffen. Alle Angelegenheiten werden auf der wöchentlichen Vollversammlung (VV) geregelt, bei der jeder Schüler und jeder Lehrer eine Stimme hat (Schülervertretung im klassischen Sinne ist innerhalb dieser Schule damit weitgehend überflüssig). Auf der VV werden neben Alltagssachen auch Entscheidungen getroffen über Anschaffungen und andere Geldausgaben, über die Einstellung von Lehrern, die Benutzung von technischen Geräten, die Hausordnung und die Zuständigkeiten für Verwaltungssachen. VVs, auf denen über Angelegenheiten großer Tragweite diskutiert und entschieden werden soll, werden besonders angekündigt. Die Teilnahme an den VVs ist keine Pflicht, aber wer fehlt, kann weder seine Ansichten einbringen noch mitbestimmen.

Die VV kann sich darauf einigen, daß für bestimmte Angelegenheiten gesonderte Arbeitsgruppen eingerichtet werden, die z.B. Vorschläge für die Verwendung des Geldes erarbeiten und diese dann der VV zur Abstimmung vorlegen.

Eltern können sich mit ihren Ideen einbringen und der Schule als Berater zur Seite stehen. Unmittelbare Mitbestimmung ist für die Eltern nicht vorgesehen, da sie nicht direkt von den Entscheidungen betroffen sind.

Eine faire Justiz gehört nicht nur zu einem freiheitlich-demokratischen Staat, sondern auch zu einer ebenso verfaßten Schule. Beschwerden über die Verletzung von Regeln werden von einem Justizkommitee untersucht, das manchmal auch Strafen ausspricht. Das Justizkommittee besteht z.B. aus acht Leuten; zu zwei direkt gewählten Leuten kommen fünf zufällig ausgewählte Schüler und ein Lehrer. Die Besetzung des Justizkommittees kann z.B. monatlich neu bestimmt werden und wird grundsätzlich auf der VV beschlossen.

Wenn das Justizkommittee jemanden für schuldig hält und er sich nicht schuldig bekennt, gibt es eine Verhandlung. Wenn sich eine Person schuldig bekennt oder ihre Schuld nachgewiesen wurde, wird diese Person vom Justizkommittee verurteilt. Urteile, die von dem Beklagten (oder anderen) als unfair empfunden werden, können auf der VV eingebracht werden. Diese Regeln gelten für Schüler und Lehrer gleichermaßen, so daß nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer sich vor den anderen verantworten müssen.

AUSSTATTUNG

Damit eine Bildungseinrichtung vernünftig funktioniert, muß sie auch sinnvoll ausgestattet sein. Dazu zählt z.B. genügend Platz für alle Leute, so daß man sich bei Bedarf aus dem Weg gehen und sich zurückziehen kann. Zu einer sinnvollen Ausstattung zählen vor allem auch vielfältige Materialien, mit denen die Schüler die Sachen, die sie wissen wollen, herausfinden können. Solche Materialien sind nicht nur Bücher und Kopiervorlagen, sondern auch Videos, CD-ROMs und genügend Internetzugänge. Zudem braucht man Computer mit aktueller Software, Möglichkeiten selbst Musik zu machen, verschiedenste Spiele und praktische Werkstätten für z.B. Holz- und Keramikarbeiten, Möglichkeiten für sportliche Betätigung, Chemie- und Biolabor, Dunkelkammer, usw. Da wahrscheinlich nicht jede Schule alle dieser Ausstattungsbestandteile hat, entsteht eine Kooperation mit anderen Einrichtungen.

SONSTIGES

Die Schule und ihre Infrastruktur können den Schülern und Lehrern auch weit über die Öffnungszeiten von derzeitigen Staatsschulen hinaus zur Verfügung stehen, z.B. von 7 - 20 Uhr oder auch am Wochenende und in der Ferienzeit. Da es keinen Unterricht im klassischen Sinne gibt, kann man auch keinen Unterrichtsstoff verpassen, wenn man nicht die gesamte Zeit in der Schule verbringt. Es ist also auch überhaupt kein Problem, wenn Schüler außerhalb der eigentlichen Ferienzeiten, die nur in anderen Schulen eine Rolle spielen, verreisen oder vormittags private Erledigungen machen, einkaufen gehen oder einfach nur ausschlafen.

Da diese Schulen nur relativ wenige Schüler umfassen, entstehen einfacher soziale Bindungen, weil sich fast alle untereinander kennen und wesentlich mehr miteinander machen als in heutigen Staatsschulen.

Eine weitere Folge der geringen Schülerzahl pro Schule ist, daß es viel mehr einzelne Schulen gibt, die entsprechend dezentral verteilt sind, was einen kürzeren Schulweg mit sich bringt.

Wie oben schon erwähnt, gibt es solche Schulen wirklich, an denen keinerlei Druck ausgeübt wird und an der Schüler tatsächlich tun und lassen können, was sie wollen - und die Schüler sind in jeder Hinsicht außerordentlich erfolgreich. (Wer’s nicht glaubt, kann alles unter http://www.sudval.org nachlesen.)

Schultyp 2

Der zweite Typ staatlicher Schulen erinnert durchaus an Schulen im üblichen Sinne, mehr jedoch an Universitäten. Im wesentlichen besteht er aus einem System projekt- bzw. themenbezogener Kurse.

Auch an diesem Typ Schule gilt die grundsätzliche Abwesenheit von Zwang. Es gibt keinen einzigen Kurs, den ein Kind oder Jugendlicher gezwungen wäre zu besuchen. Die Kurse verstehen sich also lediglich als Angebot.

In diesen Kursen wird so ziemlich alles angeboten, was von Interesse sein könnte, von Lesen und Schreiben lernen über Funktionsweise eines Kernkraftwerkes bis hinzu Japanisch und Integration von gebrochenrationalen Funktionen. Auch in der herkömmlichen Schule eher unübliche Themen wie z.B. Recht, Philosophie, Meteorologie, Astronomie, Ökologie, Landwirtschaft, Tischlern, Psychologie, Wirtschaft, Telekommunikationswesen, Journalismus und Fotografie werden angeboten. Diese Kurse müssen nicht alle tatsächlich stattfinden, aber eingerichtet werden können, wenn Leute etwas darüber wissen wollen. Da fast zwangsläufig nicht alle Sachen, wofür sich die Schüler interessieren, im Grundangebot der Schule enthalten sind, können die Schüler weitere Kurse vorschlagen, für die dann jemand gesucht wird, der sie anbietet. Und andersherum kann jeder selbst Kurse anbieten, wenn er glaubt, daß es Interessenten dafür gibt.

Da die Kurse oftmals nur ein bestimmtes Thema umfassen, dauern sie oft nur wenige Wochen. Andere Kurse, z.B. Sprachen werden, halbjahresweise angeboten.

Hat man sich für einen Kurs eingeschrieben, so ist man - falls nicht anders vereinbart - verpflichtet, tatsächlich teilzunehmen, damit man nach mehrmaligem Fehlen nicht durch ständiges Nachfragen andere beim Lernen stört. Es kann vereinbart werden, daß Kursteilnehmer, die häufig ohne wichtigen Grund fehlen und dadurch die anderen beeinträchtigen, aus diesem konkreten Kurs ausgeschlossen werden können. In Einzelfällen kann sich ein Schüler natürlich mit Mitschülern und Lehrer darauf einigen, hin und wieder nicht anwesend zu sein, um andere für ihn wichtige Sachen zu tun.

Grundsätzlich hat jeder Schüler das Recht, jeden Kurs abzubrechen, ihn also nicht weiter zu besuchen. Er kann den Kurs dann in einem späteren Halbjahr erneut belegen, wenn er möchte.

Dadurch, daß sich immer nur einigermaßen Interessierte in einen Kurs einschreiben, gibt es kaum Störer und es herrscht eine produktivere Arbeits- und Lernatmosphäre.

Auch an diesem Typ Schule gibt es keine Trennung der Schüler nach ihrem Alter. Das ist auch deshalb notwendig, weil es sich ja um freiwillige, nachfrageorientierte Lerngruppen handelt und das Interesse für ein bestimmtes Thema nicht bei jedem zum gleichen Lebenszeitpunkt aufkommt.

Bei zahlreichen Kursen muß man, um teilnehmen zu können, nachweisen, daß man über die dafür notwendigen Grundlagen verfügt. Wer z.B. einen der Physikkurse wählen will, muß von gewissen mathematischen Grundlagen eine Ahnung haben. Daß heißt nicht, daß er zuvor einen Mathekurs besucht haben muß, sondern nur, daß er sich damit hinreichend auskennen muß. Wann, wo, wie und von wem er sich geeignete Grundlagen aneignet, entscheidet jeder selbst.

Informationen darüber, welches diese notwendigen Grundlagen sind, müssen allen Schülern ohne nennenswerte Hürden zugänglich sein. Zudem muß es von möglichst allen Kursen Inhaltsbeschreibungen geben, damit Interessierte im Voraus wissen, was sie etwa erwartet. Auch Unentschlossenen kann so die Entscheidung einfacher gemacht werden.

Die konkreten Arbeitsweisen dürften in den meisten Kursen erheblich von heutigen Formen (Lehrer steht vorne und erteilt Anweisungen) abweichen. Darüber, wie diese Arbeitsweisen dann konkret aussehen, einigen sich Schüler und Lehrer innerhalb ihres Kurses.

Zensuren gibt es nicht. So etwas wie Sitzenbleiben gibt es auch nicht. Es kann aber sein, daß ein Schüler die Anforderungen für einen weiterführenden Kurs nicht erfüllt und sich deshalb entscheidet, den Vorgängerkurs noch einmal zu besuchen. In diesem Fall wiederholt er nur diesen einen Kurs - und nicht alle Kurse des letzten Jahres.

Natürlich gilt auch in diesem Typ Schule, daß die Lehrer keine Machtmittel haben, mit denen sie die Kinder erpressen könnten. Unabhängig von ihrem Alter sind alle an der Schule beteiligten Personen gleichberechtigt. So muß es auch keine große Ausnahme sein, daß sich die üblichen Rollenverhältnisse vertauschen, daß es also Kinder und Jugendliche gibt, die Kurse leiten und daß es Lehrer gibt, die sich in solchen von jungen Menschen geleiteten Kursen weiterbilden, beispielsweise über neue Computerprogramme oder Fremdsprachen.

Es kann übrigens auch Kurse geben, die aus losen Vortrags- oder Veranstaltungsreihen bestehen. Bei Bedarf sind Honorarkräfte oder Referenten anzufragen.

Um den Schulablauf organisatorisch einfacher und übersichtlicher zu machen, wird das Prinzip der jetzigen Stundenpläne grundlegend umgestaltet. Man hat am Tag nicht mehr bis zu sieben verschiedene Kurse, sondern im Normalfall höchstens zwei. Der eine Kurs findet am Vormittag, der andere am frühen Nachmittag statt. Auf diese Weise muß man sich auch nicht alle 45 Minuten auf ein anderes Thema einstellen, was die Sache sowohl für Schüler als auch für Lehrer erleichtert. Darüber, wie lange eine Unterrichtseinheit genau dauert und ob es zwischendurch eine Pause gibt, einigen sich die Kursteilnehmer untereinander - entweder einmal grundsätzlich oder jede Woche neu. Da es bestimmte Kurse (zu wenig nachgefragten Themen) nicht an allen Schulen geben kann, ist eine Abstimmung der Kurszeiten unter den Schulen notwendig, so daß Interessierte auch Angebote anderer Schulen wahrnehmen können. Der Vormittagskurs könnte pauschal innerhalb der Zeit von z.B. 9.30 bis 12.30 Uhr stattfinden, der Nachmittagskurs zwischen 13 und 16 Uhr. Denkbar sind auch Kurse und Veranstaltungen am Abend. Wieviele junge Menschen an Abendveranstaltungen interessiert sind, wird sich zeigen.

Analog zu dem als erstes beschriebenen Schultyp werden Entscheidungen auch hier in Vollversammlungen gefällt, in denen jeder Schüler und jeder Lehrer eine Stimme hat. Auch das Justizsystem wird vom ersten Schultyp übernommen.

Insgesamt erfüllt dieser Schultyp in vollem Maße die Anforderung, daß die Menschenrechte der Kinder und Jugendlichen geachtet werden und Lernen selbstbestimmt ist.

Die Schule ist zwar insgesamt so organisiert, daß man seine Bildung im Prinzip fast ausschließlich von dort beziehen kann, aber die meisten Schüler werden diese Schule nur teilweise nutzen und ihr restliches Wissen und Können aus anderen Quellen beziehen. Es ist vor allem wahrscheinlich, daß Schüler von Sudbury Schools einzelne Angebote der kursorientierten Schulen in Anspruch nehmen.

andere Schulen

Neben diesen staatlichen Angeboten wird noch eine mehr oder weniger große Anzahl an nichtstaatlichen Schulen entstehen. Das können Schulen sein, die z.B. eine Mischung aus den beiden beschriebenen Schultypen sind, aber auch Schulen, die wie jetzige Staatsschulen funktionieren, katholische Internate, autoritäre Eliteanstalten, jetzige und sonstige Alternativschulen. Auch die kritikwürdigsten Schulen kann es geben, solange sichergestellt werden kann, daß es die freie Entscheidung des Kindes bzw. Jugendlichen ist, sich dem auszusetzen. Dauerhaft wird es letztendlich nur Schulen geben, die den Schülern auch gefallen, sonst würden sie ja nicht mehr hingehen und diese Schulen würden schließen.

weitere Bildungsmöglichkeiten

Schulen sind bei weitem nicht die einzigen Möglichkeiten, zu Bildung zu kommen. Eine meist sehr angenehme Variante ist Verreisen. Fahrten kann es aus ganz verschiedenen Anlässen und mit ganz verschiedenen Zielstellungen geben. Man kann sowohl zu einer Computermesse fahren, als auch Vulkane und Geysire in Island kennenlernen, Ausgrabungsstätten besuchen, Bergsteigen, mit anderen Kulturen zu tun haben und Fremdsprachen sprechen, z.B. wenn man in Gastfamilien wohnt. Solche Fahrten können sich auf ein bestimmtes Thema konzentrieren oder auf mehrere Themen oder auf gar keines. Einfach Spaß zu haben und etwas zu unternehmen, ist auch ein Motiv. Jedenfalls lernt man bei so einer Fahrt zahlreiche Sachen, die mit dem Leben zu tun haben. Eine gewisse Grundunordnung, Organisationsschwierigkeiten, Bahnstreiks usw. machen die Angelegenheit noch spannender.

Grundsätzlich sollte jedes Bildungssystem den Anspruch haben, Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, sich in der Erwachsenenwelt zurechtzufinden. Auf einen der wichtigsten Aspekte des Erwachsenenlebens, sollten sich junge Menschen besser als bisher vorbereiten können: auf das Erwerbsarbeiten. Dazu gehört nicht nur, ihnen das Wirtschaftssystem samt Ursachen und Folgen zu erklären, sondern auch, ihnen entsprechende praktische Erfahrungen zu ermöglichen. Junge Menschen sollten (auf selbstverständlich freiwilliger Basis) Betriebspraktika machen, aber auch selbst unternehmerisch aktiv werden können. Bei all den Angelegenheiten, die beim Aufbau und Betrieb eines kleinen Unternehmens zu beachten sind, können junge Menschen viel lernen und Erfahrungen machen, die an Schulen bisher nicht möglich sind.

Weitere Möglichkeiten für Bildungsangebote sind die verschiedenen Medien.

So gibt es schon seit langem (neben Nachrichtensendungen und Reportagen) Bildungsfernsehen und seriöse Wissensvermittlungssendungen. Diese Angebote sollten inhaltlich verbessert und thematisch ausgeweitet werden. Ein gesonderter Bildungskanal kann entstehen.

Besonders geeignet für Informationsbeschaffungen ist das Internet. Zu pratkisch allen Themen findet man dort etwas. Als Ergänzung kann es noch ein umfassendes staatliches Bildungsangebot geben. So können auch Informationen zu Themen angeboten werden, für die sich jeweils nur ein sehr kleiner Teil interessiert, so daß an kaum einer Schule ein Kurs dazu zustandekommt.

Ähnliches wie für das Internet gilt für Zeitschriften. Es könnte vom Bildungsministerium (oder in dessen Auftrag) herausgegebene Allgemeinbildungs- und Fachzeitschriften oder -magazine geben. Diese wären eine Alternative zu herkömmlichen Lehrbüchern, vor allem wären sie immer ziemlich aktuell.

Zu guter Letzt findet Lernen auch ohne staatliche Organisation und außerhalb von Bildungseinrichtungen statt. Bei einer besonderen Variante, dem homeschooling (Hausunterricht), werden die Kinder zu Hause von Eltern oder Verwandten nach eigenen (oder früheren, vom Staat abgeguckten) Lehrplänen unterrichtet. Dabei muß sichergestellt werden können, daß niemand zum Unterricht gezwungen wird.

Außerdem gibt es noch unschooling, was bedeutet, daß die betreffenden Kinder gar keine Bildungseinrichtung besuchen und auch nicht gezielt von den Eltern unterrichtet werden, sondern einfach so vor sich hin leben und aus dem Leben heraus lernen. Diese Variante ist in Deutschland zur Zeit ausschließlich bei kleineren Kindern anzutreffen, ist aber dann sehr effektiv, wenn die Kinder tatsächlich ihren Interessen folgen dürfen. Unschooling hat viel Ähnlichkeit mit den Sudbury Schools, allerdings kommt man evtl. weniger mit anderen Kindern und Jugendlichen in Kontakt.

Viele Sachen lernt man tatsächlich in Alltagssituationen und ohne, daß man sie konkret vorhersehen könnte. Und wenn man sich anguckt, wieviel man von dem in Zwangsschulen Gelernten letztendlich wieder vergißt, stellt man fest, daß man gerade auch heutzutage das meiste außerhalb der Schule lernt.

Es ist anzunehmen, daß die wenigsten Kinder oder Jugendlichen ausschließlich eine der genannten Möglichkeiten nutzen werden. Selbstverständlich können all diese Bildungsformen in die oben beschriebenen Schulen eingebaut bzw. durch sie unterstützt werden.

Damit wären die konkreten Bildungsmöglichkeiten im Überblick dargestellt; bleiben noch einige organisatorische Angelegenheiten zu klären.

Organisatorische Fragen

Abschlüsse

Wenn es keine Zensuren gibt, stellt sich die Frage nach den Schulabschlüssen. Heutzutage sind Schulabschlüsse sowohl bedeutsam, wenn es um Bewerbungen um Arbeitsplätze geht, als auch wenn es um den Zugang zur Universität geht.

Schulabschlüsse spiegeln - und auch das nur im Idealfall - einen abrufbaren Wissensstand zum Ende der Schullaufbahn wieder. Damit verlieren sie im Laufe der Zeit aber immer mehr an Aussagekraft, da Wissen von damals bereits in Vergessenheit geraten sein kann und neu erworbenes Wissen unberücksichtigt bleibt. Ein pauschaler Schulabschluß sagt kaum etwas darüber aus, ob man bestimmtes Wissen bzw. bestimmte Fähigkeiten hat. Genauso wenig sagt das Fehlen eines konkreten Schulabschlusses aus.

Eine Alternative zu Schulabschlüssen und Abschlußprüfungen wären Aufnahmeprüfungen. Mit diesen können auch Arbeitgeber besser herausfinden, ob das tatsächlich benötigte Wissen für eine bestimmte Angelegenheit vorhanden ist. Aufnahme-, Zugangs- oder Eignungsprüfungen sind immer aktueller und bedarfsgerechter als Schulzeugnisse. Schon heute spielt das Zeugnis in den Augen vieler Chefs kaum noch eine Rolle.

Und auch für ein normales Universitätsstudium macht das Abitur als Bedingung kaum einen Sinn. Jemand, der nicht weiß, wie man die Fläche unter einer Cosinus-Funktion berechnet, ist doch nicht automatisch unfähig zu studieren. Statt des Abiturs sollte es nach Studienrichtungen differenzierte Zugangsprüfungen geben. Durch diese Zugangsprüfungen sollen nur wichtige Grundlagen garantiert werden. Über die Zugangsbedingungen müssen sich Interessierte ohne großen Aufwand informieren können (wie auch bei den kursorientierten Schulen). Wenn sich jemand selbst überschätzt und mit dem Studium nicht klarkommt, kann er ja immer noch damit aufhören. Durch diese Art der Regelung könnten Menschen unabhängig von Schulabschlüssen studieren.

Da nicht davon auszugehen ist, daß diese Regelung in allen Bundesländern gleichzeitig eingeführt wird, muß es Übergangsregeln geben. Wer in einem anderen Bundesland studieren will, wird dazu also vorerst weiterhin das Abitur brauchen. Deshalb besteht für die interessierten Schüler die Möglichkeit, besondere Kurse zu belegen, die zum Abitur führen. Welche Anforderungen erfüllt werden müssen, damit das Abitur in allen anderen Bundesländern anerkannt wird, hängt von diesen anderen Bundesländern ab.

Durchlässigkeit

Des weiteren stellt sich die Frage der Durchlässigkeit, also inwieweit es möglich ist, von einem Schultyp auf einen anderen zu wechseln. Wie schon oben beschrieben, ist ja ohnehin eine enge Kooperation der beiden Staatsschultypen vorgesehen. Daher sind sie in sehr hohem Maße durchlässig. Schüler, die von einer nicht-staatlichen Bildungseinrichtung kommen, können sich ebenfalls in die staatlichen Schulen integrieren, da keine prinzipiellen Voraussetzungen seitens der Schüler notwendig sind. Inwieweit es Probleme gibt, wenn Schüler von staatlichen auf private Schulen wechseln wollen, hängt im wesentlichen von den Kriterien der privaten Schulen ab. Wenn solch ein Wechsel etwas längerfristiger geplant wird, hat der Schüler genügend Zeit, um sich auf die Anforderungen seiner zukünftigen Schule, also z.B. das Bestehen einer Aufnahmeprüfung, vorzubereiten.

Ländliche Gegenden

In ländlichen Gegenden ist die Auswahl wegen der geringen Besiedlungsdichte geringer als in Städten. Wenn sich der Trend zu kleinen Schulen bestätigt, besteht aber auch auf dem Land eine Chance für Vielfalt. Schlimmer als bisher wird es zumindest nicht werden. Um die strukturellen Nachteile von Dorfschulen zu vermindern, könnte das Land besondere Zuschüsse oder Zusatzförderungen vergeben.

Ferienzeiten

An den Ferienzeiten muß eigentlich nicht viel geändert werden. Sie erhalten aber mehr den Charakter von Empfehlungen, um z.B. den Urlaub besser planen zu können. Man kann darüber nachdenken, ob die Sommerferien auf zwei Monate ausgeweitet werden sollten, die Winterferien nicht Anfang sondern Mitte Februar beginnen und ob es auch in Berlin Pfingstferien geben sollte. Man könnte noch überlegen, wie man mit der Tatsache umgeht, daß mehrere Ferien an christlichen Festen orientiert sind, aber ein Teil der Schüler z.B. moslemischen oder jüdischen Glaubens ist. Die Ferienzeiten sind ohnehin nur in den kursorientierten Staatsschulen und einem Teil der nicht-staatlichen Schulen von Bedeutung.

Mitbestimmung

Neben der Mitbestimmung innerhalb der jeweiligen Schule ist die demokratische Beeinflussung des Bildungssystems auch auf höherer Ebene vorzusehen. Üblicherweise sind dies die kommunale und die Landesebene. Die kommunale Ebene muß dabei nicht den Kommunen, Landkreisen oder Stadtbezirken entsprechen, wenn deren Größe nicht sinnvoll erscheint. In Berlin z.B. könnte sich diese kommunale Ebene an den Landtagswahlkreisen orientieren, die ca. 6 000 Schüler umfassen.

Anders als bisher würden die Vertretungen direkt von den Schülern gewählt. Schüler mit ähnlichen Vorstellungen schließen sich in Listen zusammen. Gewählt wird nach dem Verhältniswahlrecht. Die Vertretungen bestehen aus ca. 20 Schülern. Mitglieder der Landesschülervertretung müssen nicht mehr gleichzeitig auch Mitglieder der kommunalen Schülervertretung sein. Damit die Schüler auch wissen, was sie wählen, erhalten die Kandidaten umfassend die Möglichkeit, sich und ihre Ideen vorzustellen.

Die Vertretungen sind verpflichtet, Informationen (auch über ihre Arbeit) an die einzelnen Schulen weiterzugeben und sie allen Schülern zugänglich zu machen. Kommunale und Landesvertretung stehen in engem Kontakt und informieren sich gegenseitig. Für ihre Arbeit ist den Schülervertretungen genügend Geld zur Verfügung zu stellen.

Schulinterne Vollversammlungen und überschulische Schülervertretungen haben ein allgemeinpolitisches Mandat, d.h. sie dürfen sich auch zu allen Angelegenheiten äußern, die nicht bildungsspezifisch sind.

Wechselwirkungen mit der Gesellschaft

Das Bildungssystem ist natürlich nicht losgelöst von der Gesellschaft, sondern ein Bestandteil dieser. Deshalb stellt sich die Frage, welche Anforderungen ein freiheitlich-demokratisches Bildungssystem an die Gesellschaft stellt. Es ist offensichtlich, daß solch ein Bildungssystem am besten in eine ebenso freiheitlich-demokratische Gesellschaft paßt, die frei von Fremdbestimmung, Selektion und vermeidbarem Leistungsdruck ist. Aber auch in einer Gesellschaft, in der wirtschaftliche Verwertbarkeit und "Leistung" von großer Bedeutung sind, kann solch ein Bildungssystem existieren. Die bereits heute existierenden Schulen nach dem Sudbury-Valley-Modell beweisen, daß freiheitliche Schulen dauerhaft in einem wirtschaftsliberalen Gesellschaftssystem existieren können und daß die Schüler dort sogar erfolgreicher als Schüler traditioneller Staatsschulen sind: 80% gehen auf die Uni; fast alle bekommen den gewünschten Beruf. Wenn Sudbury Schools derart erfolgreich sind, ist es naheliegend zu vermuten, daß die (prinzipiell ähnlich strukturierten) kursorientierten Schulen ähnlich erfolgreich sind.

Natürlich hat auch die Schule einen Einfluß auf gesellschaftliche Bedingungen. Es ist z.B. nicht unwahrscheinlich, daß eine Schule ohne Leistungsdruck zu Veränderungen auch in der Arbeitswelt führen wird. Eine von grundauf demokratische Schule färbt auf die Gesellschaft ab. Die Kinder erfahren Demokratie als etwas für sie Sinnvolles und als etwas von Anfang an Selbstverständliches. Sie erleben, daß sie geachtet und akzeptiert werden und daß ihnen vertraut wird. Sie sind nicht eingeschüchtert, sondern selbstbewußt und selbstsicher. Die Kinder und Jugendlichen wissen, daß sie selbst für ihre Bildung verantwortlich sind. Und sie lernen, mit dieser Verantwortung umzugehen. Sie lernen allgemein, Verantwortung zu übernehmen. Sie befinden sich in einer natürlichen Umgebung von Toleranz, Friedfertigkeit und Gerechtigkeit. An heutigen Staatsschulen werden all diese Werte durch Erziehung zu vermitteln versucht; und der Erfolg ist gering, wie die allgegenwärtigen Kampagnen und immer wieder neuen Initiativen zur "Werte-Erziehung" beweisen. In einem freiheitlich-demokratischen Bildungssystem brauchen die obengenannten Werte nicht künstlich vermittelt werden, sie sind einfach erlebbar.

Wer diese Werte von Anfang an als etwas Positives und Selbstverständliches erlebt, wird sie später auch mit größerer Wahrscheinlichkeit verteidigen. Dies wird sich auch auf den Umgang mit Kindern und Jugendlichen in der Gesellschaft auswirken. Auch in anderen Gesellschaftsbereichen sowie in den Familien wird die Subjektstellung des Kindes anerkannt werden. Sehr wahrscheinlich wird auch der Umgang mit Ausländern und behinderten Menschen, die von diesem Schulsystem selbstverständlich nicht ausgegrenzt werden, würdiger und menschlicher werden. Außerdem ist davon auszugehen, daß sich friedliche Konfliktlösungsmechanismen stärker durchsetzen werden. Das alles wird sicher nicht sofort geschehen, aber im Laufe der Zeit.

Andererseits wird man nicht auf Hochleistung verzichten müssen. Diese wird von hochmotivierten und interessierten Menschen auf freiwilliger Basis erbracht; und dazu sind keine Selektion und kein Drill erforderlich.

Die Chancengleichheit ist wahrscheinlich besser gesichert als heutzutage; zumindest berichten dies Lehrer von Schulen des Sudbury-Typs, obwohl sie es ungleich schwerer haben, indem sie prinzipiell darauf angewiesen waren, Schulgelder zu erheben.

Das, was man "zukunftsfähig" nennt, ist am ehesten von einem derartigen Bildungssystem zu erwarten. So haben die Abgänger freiheitlich-demokratischer Schulen meist zahlreiche Eigenschaften, die Schülern autoritärer Schulen oftmals fehlen: Sie sind gut gebildet, offen für Neues, bereit, Herausforderungen anzunehmen und in der Lage, selbständig zu denken und Probleme zu lösen - jedenfalls überwiegend.

Bei aller Zukunftsfähigkeit darf man aber nicht vergessen, daß Kinder nicht nur eine Zukunft haben, sondern vor allem eine Gegenwart; und diese gilt es gänzlich neu zu gestalten.

Finanzierung

Zu einem seriösen Konzept gehört auch, daß man sagt, wie das alles finanziert werden soll. Es dürfte für viele überraschend sein, daß sich solch ein Bildungssystem mit den derzeit zur Verfügung stehenden Geldern bequem finanzieren läßt. Derzeit werden pro Schüler grob geschätzt 10 000 DM pro Jahr vom Staat ausgegeben. Nach eigenen Angaben kommt die Sudbury Valley School in Framingham (Massachusetts, USA) mit weniger als der Hälfte des Geldes aus, das staatlichen Schulen pro Schüler zur Verfügung steht! Kursorientierte Schulen sind aufgrund des höheren Bedarfs an Lehrern etwas teurer als Sudbury Schools. Da wesentlich weniger Verwaltung und Bürokratie notwendig ist, lassen sich zusätzlich Gelder aus diesem Bereich innerhalb des Bildungssektors umschichten und sinnvoller verwenden. So kann die Lernmittelfreiheit vollständig wiederhergestellt werden und Schulen können angemessen ausgestattet werden.

Grundsätzlich soll gelten, daß Bildung die Nachfragenden nichts kostet. Um die freie Wahl der Bildungsangebote nicht zu beeinträchtigen und Kinder ärmerer Eltern nicht zu benachteiligen, ist es notwendig, nicht-staatliche Schulen finanziell genauso bedarfsgerecht zu fördern wie staatliche Schulen. Bildungseinrichtungen müssen finanziell so ausgestattet sein, daß sie nicht auf sonstige Einnahmen (z.B. durch Werbung oder Schulgeld) angewiesen sind.

Durch Schülerfirmen eventuell erzielbare Einnahmen dürfen kein Vorwand für Kürzungen des Bildungsetats sein. Solange es dem Land (unter verantwortbarem Aufwand und bei Berücksichtigung seiner sonstigen Pflichten) weiterhin möglich ist, in gleichbleibendem Maße Geld für Bildung zur Verfügung zu stellen, sind Kürzungen, die die vollständige Unentgeltlichkeit von Bildung gefährden könnten, zu vermeiden. Ob das in Zukunft auch dann noch möglich ist, wenn sich die Haushaltslage weiter verschlechtert, ist vor allem eine Frage der Prioritätensetzung. Wenn sich im Landeshaushalt Geld für teure, aber unnütze Großprojekte finden läßt, wäre auch genug für Bildung da.

Von den staatlichen Bildungsausgaben ließen sich auch die oben beschriebenen Reisen finanzieren, sofern sie einen gewissen Gesamtbetrag nicht übersteigen. Die erwähnten Medienangebote würden ebenfalls aus dem Bildungshaushalt bezahlt werden. Insgesamt läßt sich in einem pluralistischen Bildungssystem mit den gleichen ca. 10 000 DM pro Jahr und Schüler weitaus mehr machen als im heutigen zentralistischen Schulsystem, wo vielfach Geld für Sachen ausgegeben wird, die kaum einer haben will. Wie die Verfahrensweise für die Finanzierung der verschiedenen Bildungsangebote genau aussehen soll, kann an anderer Stelle diskutiert werden.

Juristisches

Juristisch gesehen ist ein freiheitlich-demokratisches Bildungssystem nicht nur möglich, sondern sogar notwendig.

Bildung ist nach gegenwärtigem Recht eine Angelegenheit der Bundesländer. In einigen Bundesländern, darunter Berlin, sind die Schulpflicht und sonstige Grundlagen der Bildungspolitik nicht in der Landesverfassung geregelt, so daß sich alle notwendigen Änderungen durch einfache Gesetze regeln lassen. In einigen anderen Bundesländern ist die Schulpflicht in der Landesverfassung festgeschrieben, so daß Verfassungsänderungen notwendig sind. Zu untersuchen bleibt die Vereinbarkeit mit den einzelnen Artikeln der jeweiligen Landesverfassung und mit dem Grundgesetz (GG).

Einige bildungspolitische Rahmenbedingungen legt das Grundgesetz in Artikel 7 fest. Absatz 1 besagt, daß "das gesamte Schulwesen (...) unter der Aufsicht des Staates" steht. Es wird nicht gesagt, wie diese staatliche Aufsicht aussehen soll. Sinnvoll wäre ein demokratisch gewähltes Gremium - auch aus juristischer Sicht; denn die Schulaufsicht ist Teil der Staatsgewalt, welche laut Artikel 20 (2) "vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe (...) der vollziehenden Gewalt (...) ausgeübt" wird. Dieser "Bildungskontrollrat" wäre dann eines der "besonderen Organe".

Laut Absatz 3 ist Religionsunterricht "in den öffentlichen (=staatlichen) Schulen (...) ordentliches Lehrfach" - "mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen". Ein freiheitlich-demokratisches Bildungssystem ist in der Religionsfrage neutral. Deshalb sind dann alle staatlichen Schulen "bekenntnisfrei".

Absatz 2 besagt zwar, daß die Eltern bestimmen, ob ihr Kind am Religionsunterricht teilnimmt; aber dieses Elternrecht steht im Widerspruch zum Grundrecht des Kindes auf Religionsfreiheit (s. Artikel 4 GG). Nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes von 1968 ist das Elternrecht (Artikel 6 (2) GG) ein "treuhänderisches Recht", das nicht gegen das Interesse des Kindes ausgeübt werden darf und insbesondere nicht die Grundrechte des Kindes verletzen darf. Entsprechend wird Artikel 7 (2) GG nicht umgesetzt. Kinder zur Teilnahme an einem Religionsunterricht zu zwingen, wird nicht möglich sein.

Absatz 4 sichert das Recht zu, private (=nicht-staatliche) Schulen einzurichten. Die Anforderung, daß die privaten Schulen "in ihren Lehrzielen (...) nicht hinter den öffentlichen Schulen zurückstehen", ist automatisch erfüllt, weil es in staatlichen Schulen gar keine Lehrziele mehr gibt (weil ein verbindlicher Lehrplan nicht mehr existiert). Über die geforderte Gleichwertigkeit der Ausbildung der Lehrer könnte der Bildungskontrollrat wachen. Die Bedingung, daß "eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern nicht gefördert wird", kann sogar nur durch die volle finanzielle Gleichstellung "privater" Schulen erfüllt werden.

Absatz 5 fordert: "Eine private Volksschule ist nur zuzulassen, wenn die Unterrichtsverwaltung ein besonderes pädagogisches Interesse anerkennt". In einem pluralistischen Bildungswesen besteht solch ein Interesse automatisch. Freie Schulen sind nicht mehr nur Versuche oder Ausnahmen, sondern wichtiger dauerhafter Bestandteil der Bildungslandschaft.

Artikel 7 GG ist also nicht optimal, schließt aber ein freiheitlich-demokratisches Bildungssystem auch nicht aus. Außerdem steht das jetzige Schulsystem im Konflikt mit zahlreichen Passagen des Grundgesetzes: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt." "Die Freiheit der Person ist unverletzlich." "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich." "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich." "Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet." "Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit (wird) gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt." "Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln." "Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich." "Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet." "Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen." "Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht." "Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig." "In keinem Falle darf ein Grundrecht in seinem Wesensgehalt angetastet werden."

Die Berliner Verfassung wiederholt nochmal einige Grundrechte und fügt all dem noch hinzu: "Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung. Das Land ermöglicht und fördert nach Maßgabe der Gesetze den Zugang eines jeden Menschen zu den öffentlichen Bildungseinrichtungen (...)".

Die Alltagspraxis muß endlich in Übereinstimmung mit diesen Verfassungsgrundsätzen gebracht werden, Gesetze und Verordnungen müssen daran angepaßt werden.

Recht auf Bildung durchsetzen

Allgemein ergibt sich die Frage, wie das Recht auf Bildung durchgesetzt werden kann.

Im derzeitigen Schulsystem wird davon ausgegangen, daß das Recht auf Bildung und die Schulpflicht zwei Seiten einer Medaille sind. Wer in der Schule anwesend ist, dessen Recht auf Bildung gilt als gesichert; und wer nicht anwesend ist, dessen Bildungsrecht werde verletzt. In einem freiheitlich-demokratischen Bildungssystem gibt es keine Schulpflicht mehr, und das Recht auf Bildung beinhaltet ebenso das Recht, den Schulbesuch zu verweigern bzw. sich Wissen auf andere Weise zu beschaffen. Daher ist es schwieriger herauszufinden, in welchen Fällen das Recht des Kindes auf Bildung nicht eingehalten wird.

Gerade kleinere Kinder sind nicht immer in der Lage, ihre berechtigten Ansprüche (in diesem Fall also das Recht auf Bildung) ohne fremde Hilfe gegenüber ihren Eltern durchzusetzen. Deshalb müssen Regelungen getroffen werden, die die Stellung des Kindes stärken, seine Rechtslage verbessern. Im Gesetz muß eindeutig festgelegt sein, daß das Recht auf Bildung ein Recht des Kindes ist und nicht ein Recht der Eltern. Ähnlich wie es das Wahlgesetz jedem verbietet, einen Wahlberechtigten vom Wählen abzuhalten oder ihn zu zwingen, eine bestimmte Partei zu wählen, so kann auch Eltern, Verwandten und Bekannten verboten werden, das Kind vom Besuch einer Bildungseinrichtung abzuhalten oder ihm vorzuschreiben, welche Angebote es anzunehmen hat.

Das heißt nicht, daß sich das Kind nicht mit Eltern und anderen Leuten über die Angebote austauschen dürfte. Gerade kleine Kinder werden sich mit ihren Eltern beraten, oder die Eltern schlagen etwas vor, und wenn das Kind nichts dagegen hat, dann wird es so gemacht. Die Regelung stellt nur klar, daß es letztenendes tatsächlich das Kind ist, das die Entscheidung trifft, daß also nichts gegen seinen ausdrücklichen Willen geschehen kann.

Des weiteren müssen Eltern und Kinder über die Rechtslage informiert werden. Dies kann durch Rundschreiben an alle Eltern, durch Zeitungsanzeigen, TV-Spots, Plakatwerbung und öffentlichkeitswirksame Aktionen geschehen. Jedenfalls dürfte es dann nicht mehr vorkommen, daß Eltern nichts davon wissen, daß das Kind ein unverletzliches Recht auf Bildung hat. Auch die meisten Kinder werden auf die eine oder andere Weise davon erfahren. Außerdem wären Eltern verpflichtet, die Kinder über ihre Möglichkeiten zu informieren.

Grundsätzlich hätten alle Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, sich über Übergriffe ihrer Eltern bei öffentlichen Stellen zu beschweren. Diese öffentlichen Stellen würden den Kindern dann unbürokratisch bei der Durchsetzung ihres Rechtes helfen. Es wird letztendlich sehr schwierig sein, einem informierten Kind sein Recht auf selbstbestimmte Bildung vorzuenthalten, da es sich ja notfalls auch ohne Hilfe der Eltern an einer Bildungseinrichtung anmelden kann. Auch den Eltern wäre klar, daß Übergriffe auch später noch vom Kind selbst aufgedeckt werden können. Wahrscheinlich wird sich aber schon allein durch die Einführung des Bildungsrechtes als tatsächliches Recht des Kindes die Sichtweise auf Kinder so ändern, daß immer weniger Eltern überhaupt vorhätten, ihrem Kind sein Recht vorzuenthalten.

Probleme bei der Umstellung

Es gibt mehrere Schwierigkeiten vom jetzigen Schulsystem zu einem freiheitlich-demokratischen zu kommen. Ein Problem bei der Umstellung zu einem liberalen Schulsystem sind die Lehrer. Viele Lehrer identifizieren sich mit dem jetzigen System; aber Lehrer, die Unfreiheit verteidigen bzw. praktizieren, passen nicht in ein freies System. Da zumindest in den staatlichen Schulen die Vollversammlung entscheidet, welche Lehrer eingestellt werden, würden zahlreiche von ihnen keine Anstellung mehr finden. Andererseits hätten diese Lehrer wahrscheinlich auch selbst wenig Interesse daran, in einem demokratischen Bildungssystem tätig zu sein. Zumindest den älteren Lehrern könnte man anbieten, in Vorruhestand zu gehen. Den umstellungsbereiten Lehrern wird eine besondere Schulung angeboten, die ihnen hilft, sich auf die neuen Anforderungen einzustellen. In jedem Fall wird es notwendig sein, Lehrer nicht mehr zu verbeamten.

In einem pluralistischen Bildungssystem kann nicht (bzw. genauso wenig wie jetzt) ausgeschlossen werden, daß einzelne Lehrer Unsinn erzählen bzw. sogar bewußt Unwahrheiten verbreiten. Um dies gegebenenfalls aufzudecken, kann es eine unabhängige Instanz geben, die ähnlich wie z.B. Stiftung Warentest die Angebote (stichprobenartig oder auf konkreten Verdacht) qualitativ untersucht. Der beanstandete Lehrer bzw. die Bildungsanstalt wird dann auf die Unstimmigkeiten hingewiesen. Sollte der "Anbieter" entgegen besseren Wissens die Schüler weiterhin falsch informieren, kann der Bildungskontrollrat, der die Schulaufsicht ausübt, beschließen, daß die Schule keine staatlichen Gelder mehr erhält und daß nötigenfalls ein Verfahren wegen Betruges eingeleitet wird.

Ein weiteres Problem, das die Dezentralisierung mit sich bringt, sind die Räumlichkeiten. Nur wenige Schulen werden derart viele Kinder und Jugendliche umfassen, wie jetzige Schulen. Die kursorientierten Schulen wären (mit Ausnahme weniger nicht-staatlicher Schulen) die einzigen, die in ihren Schülerzahlen mit jetzigen Schulen konkurrieren könnten, da es bei diesem Schultyp reicht, wenn die einzelnen Kurse überschaubare Größen haben. Einige bisherige Schulgebäude können also durchaus von kursorientierten Schulen übernommen werden. Zumindest bei größeren bisherigen Schulgebäuden wird nur ein Teil des Gebäudes als Schule verwendet werden; die anderen Teile sowie die übrigen Schulen können als Verwaltungs- oder Bürogebäude verwendet werden, obwohl es davon ja schon mehr als genug gibt. Ein weiterer Teil kann in Bibliotheken, Jugendclubs und Vereinsräume umgewandelt werden.

Die vielen neuen kleinen Schulen können in neu anzumietenden Büroräumen, in frei werdenden und umzubauenden Lager- und Fabrikhallen, in zusammenzulegenden Privatwohnungen oder Villen am Stadtrand entstehen.

Erste Schritte

Ein derartiges freiheitlich-demokratisches Bildungssystem läßt sich nicht von einem Tag auf den anderen durchsetzen. Man kann aber überlegen, wie der Weg zu solch einem System aussehen kann.

Ersteinmal muß überhaupt die Bereitschaft bestehen, etwas an den bisherigen Verhältnissen zu ändern. Diese Veränderungsbereitschaft entsteht nur, wenn den Leuten die Schwächen des aktuellen Systems bewußt werden bzw. wenn sie erkennen, daß Alternativen tatsächlich möglich und erfolgreich sind.

Entsprechend muß man erstmal auf die Widersprüche des bestehenden Schulsystems aufmerksam machen und plausibel erklären, warum der gewünschte Erfolg bisher ausbleibt. Des weiteren muß man versuchen, die weitverbreiteten Vorurteile abzubauen und darüber aufklären, wie Lernen tatsächlich funktioniert.

Gleichzeitig kann man auf die Erfolge zahlreicher Freier Alternativschulen hinweisen und somit die Befürchtungen vieler Leute auch praktisch widerlegen.

Für viele Einzelheiten, die sich erst nach und nach als regelungsbedürftig erweisen, werden erst während dieser Umstellungsphase Lösungen entwickelt. Zu den ersten praktischen Veränderungen können Modellversuche gehören, in denen in drei oder vier verschiedenen Gegenden des Bundeslandes jeweils eine Sudbury School eingerichtet wird. In direkter Nähe sollte jeweils eine kursorientierte Schule entstehen, so daß auch die Wechselwirkungen zwischen beiden Schultypen zustande kommen können. Innerhalb von schätzungsweise drei bis sechs Jahren liegen dann brauchbare Beobachtungsergebnisse vor. Aller Voraussicht nach werden diese Schulen genauso erfolgreich sein, wie die bereits existierenden Schulen gleichen Typs. Nachdem nochmal etwas Zeit für die Auswertung vergangen ist, wird mit der flächendeckenden Einführung begonnen. Die kursorientierten Schulen lassen sich aus den bestehenden Staatsschulen entwickeln.

Während man (un)geduldig auf den Ausgang der Schulversuche wartet, kann man schon mal mit einigen Veränderungen an den übrigen gut 99% der Schulen beginnen. Zu den ersten Schritten gehört die beschleunigte Anerkennung von nicht-staatlichen Schulen, sowie deren finanzielle Förderung in voller Höhe ab dem ersten statt ab dem siebten Jahr. Ebenfalls gleich zu Anfang wird damit begonnen, in allen staatlichen Schulen die Vollversammlung zunächst als beratendes Gremium einzuführen. Ein oder zwei Jahre später wird sie beschließendes Gremium. Die kommunale und die Landesschülervertretung werden ebenfalls in den ersten zwei Jahren eingerichtet. Schulverweigerer werden zunächst nicht mehr polizeilich verfolgt und laufende Bußgeldverfahren werden eingestellt, sofern der Schüler deutlich machen kann, daß es seine eigene Entscheidung war, die Schule nicht mehr zu besuchen. Für sehr dringend ausstiegswillige Schüler wird nach individuellen Lösungen gesucht. Freistellungen und Beurlaubungen werden großzügig erteilt. Die Vergabe von Zensuren wird auch gleich zu Anfang eingestellt. Zwar gibt es anfangs noch Lernerfolgskontrollen und Klassenarbeiten und diese werden auch ausgewertet, aber es gibt eben keine Zensuren mehr und es kann kaum noch Druck ausgeübt werden. Die Machtunterschiede zwischen Lehrern und Schülern werden geringer und das Verhältnis zum Lehrer meist deutlich besser. Verstärkt finden Projektwochen und schulische Freizeitveranstaltungen statt, bei denen auch die Aufhebung der Alterstrennung praktiziert wird. Im Unterricht, in den Medien und in der Gesellschaft wird ausführlich über die Änderungen diskutiert. Mit der flächendeckenden Einführung der Sudbury Schools und der kursorientierten Schulen tritt die bereits verwässerte Schulpflicht endgültig außer Kraft. Nach deutlich weniger als 10 Jahren ist das freiheitlich-demokratische Bildungssystem endlich Wirklichkeit geworden.

Welche Fragen sind noch offengeblieben? Was klingt unlogisch?

Einwände, Anregungen usw. an:

Martin Wilke
Storkower Str. 78
10409 Berlin
martin.wilke@gmx.net